klamottenkur

klamottenkur 2015

die klamottenkur, iniziiert von der kampagne modeprotest, ist eine jährliche aktion, bei der es darum geht, für sieben wochen den inhalt des eigenen kleiderschrankes auf 50 teile zu reduzieren. festgefahrene konsumgewohnheiten können damit auf die probe gestellt werden; mehr selbstbestimmung im umgang mit der eigenen garderobe ist das ziel. hier eine zusammenfassung von meinen erfahrungen bei der klamottenkur 2015.

 

kleidung muss mehr wert bekommen

seit geraumer zeit träume ich von einer kluft: meinem universaloutfit, in dem ich mich wohlfühle wie in einer zweiten haut, das mich in jeder lebenslage perfekt kleidet - von der idee her ähnlich der kluft einer wandergesellin. für ein halbes jahr nichts anderes tragen, erleben, wie und ob das geht...und andere an meinen erfahrungen teilhaben lassen. ein radikaler schritt, zu dem ich bisher nicht den mut hatte.

 

inspiriert zu dieser idee bin ich durch meine berufliche auseinadersetzung mit kleidung: als schneiderin und upcycling designerin bewege ich mich seit jahren im spannungsfeld zwischen der realität schnelllebiger wegwerfmode und meinem wunsch, gute kleidung als treue alltagsbegleitung zu schaffen. die schnittstelle zwischen beidem ist oft die wertfrage. was gibt (und was kostet) uns mehr: ein schrank voller billig produzierter und letztendlich ununterscheidbarer anziehsachen - oder ein paar ausgewählte, auf uns zugeschnittene lieblingsteile?

während ich noch davon träume, durch das experimentieren mit einem universaloutfit neue denkanstösse für mich und andere zu schaffen, stosse ich im januar 2015 auf die klamottenkur, eine aktion der kampagne modeprotest, und bin augenblicklich begeistert. das kommt mir gerade recht! in koordination mit lenka petzold (modeprotest) stelle ich gemeinsam mit sarah bürger (formschoen) und astrid lorenz (sdc hamburg) ganz kurzfristig die klamottenkur-startaktion in hamburg auf die beine.

 

die klamottenkur: weniger ist mehr...

über all dem organisieren für die startaktion verpasse ich beinahe den moment, meinem eigenen übervollen kleiderschrank zu leibe zu rücken. am ersten kurtag mache ich ernst - im allerletzten moment. morgens um sechs, eine stunde bevor ich zur arbeit fahre, fange ich an, meine klamotten durchzukucken und zu sortieren. es fällt mir nicht allzu schwer, entscheidungen zu treffen - ein zaudern würde die knapp bemessene zeit auch gar nicht erlauben. blau wird die farbe der nächsten sieben wochen. schuhe, jacke, hosen müssen praktisch sein - bei den oberteilen bin ich wagemutiger. meine tolle daunen-kapuzenweste ist natürlich mit dabei - sie trage ich sowieso fast ständig auf dem leib, seit ich sie vor einigen wochen von meiner lieben atelier-nachbarin britta geschenkt bekommen habe.was übrig bleibt - es ist eine ganze menge - packe ich in tüten und verstecke es in einer nische zwischen bett und schrank. aus den augen, aus dem sinn. weg mit dem plunder - und rein ins vergnügen!

erleichternd ist vor allem die sache mit dem waschen. ganz offen gesagt, ist das nämlich etwas, was mich in meinem alltag mit zwei kindern und zwei berufen und einer menge freunden und interessen öfter mal überfordert. dann türmen sich berge von schmutziger wäsche im bad (zu dritt geht das rasend schnell), vermischen sich irgendwann mit der sauberen wäsche, die darauf wartet, endlich gefaltet und in die schränke sortiert zu werden...und morgens, fünf minuten bevor wir das haus verlassen müssen, suchen wir dann in diesem ganzen durcheinander verzweifelt das lieblings-unterhemd meiner tochter. davon sind wir während der kommenden wochen befreit. meine kinder machen bei der kur zwar nicht mit, aber allein mein reduziereter wäscheanteil minimiert den gesamtwäschewust bedeutend. das empfinde ich als sehr erholsam, und ich beginne darüber nachzudenken, ob wir nicht auch einige haushaltsgegenstände und spielsachen einfach wegsortieren könnten. ich erinnere mich an die zeit vor vielen jahren, als ich für eine weile auf sehr knappem raum in einem ausgebauten bauwagen gelebt habe. damals hatte ich aus platzgründen als küchengerät nur ein gutes taschenmesser. es war sparschäler, brotschneidemaschine, pürierstab...in einem - und hat sehr gute dienste geleistet.

 

 

...verzicht!

abgesehen von einem leichten herzen was leidige waschzeremonien angeht, bleibt der erhoffte wohlfühl-kureffekt für mich aber weitgehend aus. bei der morgendlichen frage vor dem kleiderschrank, was ich denn heute tragen möchte, entwickle ich so etwas wie eine augen-zu-und durch-stragtegie. in der ersten woche fühlt sich eigentlich alles wie immer an - aber bald schon bin ich von meinem blauen lieblings-kapuzenpulli so gelangweilt wie die sängerin francoise cactus (stereo total) in ihrem song "schön von hinten" von ihrem partner: "wie soll ich dich vermissen, wenn du stets bei mir bist...?" fragt sie ganz richtig.

 

ich trage also jeden tag einfach irgend etwas, und versuche, nicht zu oft in den spiegel oder an mir herunter zu schauen, um nicht schon wieder das altbekannte blau sehen zu müssen.

bei der wahl meiner kur-jacken habe ich mich für die einzig wirklich wetterfeste jacke entschieden, die ich besitze, was in bezug auf den erfahrungsgemäss wecheslhaften hamburger frühling sicher vernünftig war. blöd ist nur, dass genau diese jacke noch nie zu meinen lieblingsjacken zählte. sie ist natogrün und etwas unförmig - aber eben warm und wind- und wasserdicht. da ich nun nicht jeden tag wie eine polizistin in kampfmontur aussehen möchte (so empfinde ich mich darin) - lasse ich die jacke am dritten regentag in folge einfach zu hause und gehe stattdessen in meiner hübschen wollstrickjacke aus dem haus. irgendwie habe ich mir vorgestellt, dass es ausgerechnet an dem tag nicht regnen kann, oder dass es mir gelingt, in diesem outfit eine halbe stunde mit dem rad durch den regen zu fahren, ohne nass zu werden. nichts von beidem haut hin - und so komme ich am abend bis auf die haut durchnässt nach hause und bezahle am nächsten tag mit einer netten erkältung.

 

zum kurende hin schleichen sich mogeleien ein: in unserer strasse steht eine tauschbox, nach einer grossartige idee von tobias filmar, der überall in hamburg mit interessierten solche kisten errichtet. ungefähr so gross wie eine telefonzelle, aus alten brettern zusammengezimmert, zu einer seite offen, und jeder tut rein, was er nicht mehr braucht und holt raus, was ihm gut gefällt. eine ganz einfache und schöne möglichkeit, überschüssige, aber noch brauchbare güter im umlauf zu halten, anstatt sie zu entsorgen - und alles ohne geld und mit geringem aufwand. ein nicht zu unterschätzender teil meiner kleidung und schuhe entstammt dieser quelle. eigentlich wollte ich mir während der kur nichts neues zulegen - doch nun kann ich nicht länger widerstehen und nehme mir ein türkisfarbenes strickkleid mit. und ich bin ganz glücklich damit! endlich dem ewigen blau entkommen...wie gut sich das anfühlt!

 

was hat sich bewegt?

durch die umsetztung der hamburger startaktion habe ich sehr viel interesse und zuspruch erfahren, viele menschen haben mich angesprochen und ihr eigenes bedürfnis nach einem bewussteren/reduzierten kleidungskonsum kundgetan und durch ihre teilnahme an der kur manifestiert (zum beispiel lotte vom stoffdeck). es freut mich, dass dieses thema offenbar für immer mehr menschen eine besondere wichtigkeit erhält, und ich fühle mich motiviert, dran zu bleiben und weiter in diese richtung zu arbeiten.

wenn ich beruflich mehr wertschätzung für unsere anziehsachen propagiere, so hat der selbstversuch klamottenkur mich erkennen lassen, dass ich privat von diesem ziel recht weit entfernt bin. in meinem schrank sind eigentlich kaum eine handvoll teile zu finden, an denen ich wirklich hänge. das liegt daran, dass ich mir seit jahren so gut wie keine neuen kleider kaufe. alles, was ich habe, stammt entweder vom flohmarkt, aus der tauschbox oder aus dem systemlosen freien tausch im freundeskreis. die anziehsachen kommen und gehen, manchmal fast unmerklich. am leib meiner schwester finde ich ein kleid aus meinem schrank wieder, von dem ich mich nicht erinnere, es ihr geliehen zu haben. und im meiner eigenen wäscheschublade liegen diverse sockenpaare, die ich mir nach spontanen übernachtungen bei der ein oder anderen freundin morgens angezogen und nie zurück gegeben habe. kleidung hat für mich keinen monetären wert - gehe ich deshalb so nachlässig damit um?

und ist das nun ein hinweis darauf, das ich etwas ändern sollte?

mein eigenes verhalten?

oder mein credo?

ich weiss es nicht.

aber etwas ist geschehen, seit jahren zum ersten mal: ich habe für mich selber genäht. ein sonnengelbes sommerkleid. und dann gleich noch ein mohnrotes nach dem selben schnitt. ich trage fast nur noch die beiden. vielleicht sind sie ja die vorläufer zu meiner kluft...


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